Lese-Probe aus MAGIRA 2009:
Werners Bücherkiste
zusammengestellt von Werner Arend
Kein Artikel dieser Art bleibt vom persönlichen Geschmack unberührt, zumal wenn er bereits zum sechsten Mal erscheint. Dieses Jahr besonders auffallend: Einige Bücher, von denen ich im Nachhinein erfahren habe, dass sowohl andere Autoren als auch Review-Sites sie lieben, haben mir nicht gefallen. Deshalb an dieser Stelle der Hinweis: Ich bemühe mich innerhalb der Gebiete der Fantasy, die ich lese, um Repräsentativität, aber letztlich ist vieles eine Frage persönlicher Vorlieben
Nun zu den neuen Büchern. Zum Glück für diesen Artikel sind auch 2008 einige sehr schöne Geschichten unübersetzt geblieben. Wie beim letzten Mal ist der Anteil der neuen Autoren recht hoch, nicht, weil diese alle besser schreiben als die Etablierten, sondern weil es mein erklärtes Ziel ist, die Aufmerksamkeit auf weniger Bekanntes zu lenken, und neue Autoren meistens nicht sofort übersetzt werden
Insgesamt ist es eine recht bunte Mischung geworden. Auf den Klassiker- Tipp musste ich leider diesmal verzichten, denn die Neuerscheinungen haben mich ausreichend beschäftigt
THE MAGICIANS AND MRS. QUENT von GALEN BECKETT
Bantam Spectra, 2008; Fortsetzung geplant: THE HOUSE ON DURROW STREET; Übersetzung: keine
THE MAGICIANS AND MRS. QUENT ist Galen Becketts erstes Buch, und er betritt die Fantasy-Szene mit einem Rezept, das zwar auch nicht völlig neu ist, aber in dieser Konsequenz bisher noch nicht realisiert wurde: Man nehme eine Gesellschaft ähnlich wie in Jane Austens Romanen, setze diese in eine Welt mit magischen Aspekten ein und rühre so lange in dem Gemisch herum, bis ein Plot entsteht, der interessanter ist als beide Teile für sich allein. Das Resultat ist eine Geschichte mit einer subtilen Magie, in einer Welt, die gleichzeitig sofort wiedererkennbar als auch voller neuer Geheimnisse ist. Dieses Buch scheint wenig Aufmerksamkeit geweckt zu haben. Viel zu wenig, meine ich, denn dass es – wahrscheinlich – auch langfristig nicht zum Bestseller taugt, liegt keinesfalls an der Qualität, sondern an der Thematik leicht abseits der Mainstream-Fantasy
Ivoleyn Lockwell – genannt Ivy – lebt mit ihren Schwestern, ihrer Mutter und ihrem geistig abwesenden kranken Vater in der Stadt Invarel, dem Regierungssitz des Landes Altania, in einem Viertel mittleren Ansehens. Die ökonomische Situation der Familie ist angespannt, und ihre Mutter versucht deshalb, die Schwestern gut zu verheiraten
Ivy hat für das Heiraten nur gelegentlich einen Gedanken übrig und beschäftigt sich lieber mit ihren Büchern – und den Geheimnissen ihres Vaters, von dem sie einen an sie gerichteten Brief findet, der ihr vorenthalten wurde. Damit, und durch die Begegnung mit dem jungen, leichtlebigen Lord Rafferdy, gerät sie in Kontakt mit dem Netz von Politik und Magie, das die Geschicke ihres Landes bestimmt. Ivys Wunsch, ihrem Vater zu helfen und für sich und ihre Schwestern die Zukunft zu sichern, macht, ohne dass sie es weiß, Begegnungen mit weiteren Strängen dieses Gespinstes unausweichlich, zunächst in Form geheimnisvoller Männer, die etwas von ihrem Vater wollen, und von denen es heißt, sie seien Magier. Probleme mit Magie hat derweil auch Lord Rafferdy, der entdeckt, dass er ein magisches Talent geerbt hat. Aber er kann mit dem ganzen Hokuspokus nicht viel anfangen, und überhaupt ist ihm zu viel an Verantwortung zuwider. Währenddessen hält sich sein Bekannter Eldyn Garrit, dem die Geschichte zeitweilig folgt, im Umkreis politischer Rebellen auf und investiert in dubiose Geschäfte. Dann stirbt Ivys Mutter, und ihr Haus fällt an einen Verwandten, den unangenehmen Rechtsanwalt Mr. Wyble. Ivy entdeckt, dass die Schwestern von ihrem Vater ein altes Haus geerbt haben, das ihnen eigentlich ein unabhängiges Leben ermöglichen könnte und von dem niemand reden will. Um die Renovierung und den Umzug ihrer Schwestern zu finanzieren, nimmt sie eine Stelle als Gouvernante bei dem mysteriösen Mr. Quent auf dem entlegenen Anwesen Heathcrest an. Dadurch beschleunigen sich die Ereignisse, denn sowohl in dem ererbten Haus, als auch im Wald um Heathcrest wartet eine ältere Magie darauf, erkundet zu werden – eine, die für manche begehrenswert, für andere gefährlich erscheint
Galen Beckett macht aus der Prämisse seiner Welt kein Geheimnis: »Was wäre, wenn den sozialen Zwängen, denen sich die Frauen in Jane Austens oder Charlotte Brontës Geschichten ausgesetzt sehen, eine fantastische Ursache zugrunde läge?« Dementsprechend wird viel Zeit darauf verwendet, dem Leser die Details der Welt zugänglich zu machen. Während im ersten Teil des Buches die Handlung angenehm vor sich hinplätschert, mit gelegentlichen spannenden Einlagen, erfahren wir einiges über die politische Situation im Land, die Geschichten – und die bisweilen davon abweichenden Tatsachen – über verschiedene ihrer magischen Aspekte, und jede Menge Hinweise auf Dinge, von denen man besser nicht spricht, und die nicht nur die Protagonistin, sondern auch den Leser richtig neugierig machen. Das Entziffern dieser Aspekte, die bis zum Ende des Buches nicht völlig klar werden, ist eines der Dinge, die faszinieren und es schwer machen, das Buch aus der Hand zu legen
Das andere ist Ivy Lockwell. Sie ist eingebettet ist in die soziale Ordnung ihrer Welt, keine richtige Rebellin also, denkt aber trotzdem unabhängig genug und ist stark genug, um hinter die Geheimnisse zu kommen, mit denen sie konfrontiert wird. Diese Gratwanderung ist Beckett wunderbar gelungen – Ivy bleibt jederzeit innerhalb ihrer Welt glaubwürdig, ist aber dennoch eine starke Heldin, die die Geschichte von vorn bis hinten trägt. Die Handlungsstränge, die Lord Rafferdy und Eldyn Garrit folgen, sind für sich genommen ebenso faszinierend und spannend, aber Ivy ist die interessantere Person, also habe ich als Leser immer mit größerer Neugier auf das nächste Ivy- Kapitel gewartet. Das Land Altania ist ebenso differenziert aufgebaut: anders genug, dass man sich als Leser schnell mental im Fantasyland Altania wieder findet und eben nicht im England des 18. Jahrhunderts, aber ähnlich genug, dass die sozialen Strukturen, die für die Geschichte wichtig sind, erkennbar und bedeutungsvoll bleiben
Eigentlich kann ich an diesem Buch nichts kritisieren – es präsentiert seine Welt und seine Figuren fast perfekt, und jede Seite macht neugierig auf die nächste, auch dort, wo die Handlung eher vor sich hin plätschert. Es mag Leser geben, denen diese gemessene Gangart nicht zusagt, aber sie passt sehr viel besser zu dieser Geschichte als das hohe Tempo eines Actiondramas und lässt wichtige Details hervortreten, die ansonsten übersehen würden. Erwähnenswert ist auch der Erzählstil, der Anachronismen vermeidet, die den Leser aus der Welt herausreißen könnten. Bei einer Fantasy-Geschichte mit eingebetteten historischen Elementen ist das leider immer noch nicht selbstverständlich
Es gibt eine Reihe anderer Fantasy-Geschichten, die sich mit einem Einbruch des Magischen in eine anscheinend wohlgeordnete Welt beschäftigen und in einer Parallele zum europäischen 18. oder 19. Jahrhundert angesiedelt sind. Die meisten davon sind Feengeschichten, und in allen entstammt die Magie einer anderen Welt oder einer Anderwelt
Anklänge daran sind auch in Becketts Buch zu finden, inwieweit sich Altania aber mit den Schauplätzen dieser anderen Geschichten in eine Reihe stellen lässt, ist nach dem Ende des Buches noch nicht abzusehen. Bisher ist es keine der typischen Anderwelt-Geschichten, und es bleibt zu hoffen, dass die Dinge sich mit der Fortsetzung auch nicht dorthin entwickeln werden
THE MAGICIANS AND MRS. QUENT wird auch ein Jahr nach dem Erscheinen noch nicht als Taschenbuch verfügbar sein, aber die Geschichte ist nicht nur das Geld für die Hardcover-Ausgabe wert, sondern diese hat auch ein wunderbar stilvolles Cover. An der Tendenz zur Fortsetzung kommt auch Galen Beckett nicht vorbei: Ob es mal die üblichen drei Bücher werden, ist unklar, aber gemäß seiner Website (www.galenbeckett.com) arbeitet er momentan an der Fortsetzung THE HOUSE ON DURROW STREET. Eine offizielle Ankündigung gibt es aber noch nicht
Mehr davon in MAGIRA - Jahrbuch zur Fantasy 2009 www.magira-jahrbuch.de
|